«Ich will dabei nicht draufgehen»

«Ich will dabei nicht draufgehen»

  • Viele Auf­gaben und Ver­ant­wor­tun­gen las­ten auf den Schul­tern von Pas­toral­raump­far­rern. Jed­er ver­sucht auf seine Weise, das Ziel nicht aus den Augen zu ver­lieren.
  • Die Coro­n­a­pan­demie stellt die pas­toral Ver­ant­wortlichen vor zusät­zliche Her­aus­forderun­gen und vor die Frage: wie weit­er?
  • Hor­i­zonte hat in eini­gen Pas­toral­räu­men nachge­fragt und ein paar starke Antworten bekom­men.


Immer wieder tauchen sie auf, die Geschicht­en von Priestern und Seel­sorg­ern, die sich ins Burnout manövri­ert haben. Solche Geschicht­en erstaunen nicht, denn es ist ein offenes Geheim­nis, dass sich in der Kirche immer weniger Priester und Seel­sorg­er um immer mehr Men­schen und immer kom­plex­er wer­dende Auf­gaben küm­mern müssen. Andreas Stüdli ist ein­er von ihnen. Er ist der Pfar­rer im Pas­toral­raum Zurzach-Stu­den­land, ver­ant­wortlich für fünf Pfar­reien mit rund 4’500 Katho­liken. Er und seine bei­den Amt­skol­le­gen, Thomas Zim­mer­mann und Roland Häfliger, haben auf die Anfrage von Hor­i­zonte reagiert und über ihre Freuden, aber auch Nöte als ver­ant­wortliche Priester in einem Pas­toral­raum gesprochen.

«Man muss darüber sprechen»

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Andreas Stüdli ist ein­er, der die Dinge beim Namen nen­nt: «Ja, ich kenne Seel­sorg­er, auch hier im Bis­tum Basel, die ein Burnout erlit­ten haben. Dafür gibt es viele Gründe. Ein­er liegt sich­er darin, dass viele mein­er Kol­le­gen sich nicht getrauen, ihre Sor­gen und Nöte zu benen­nen. Wenn man nicht darüber sprechen kann, dann läuft man doch ins Burnout.» Und zu besprechen gäbe es einiges. Zum Beispiel, wie ein Priester allein, an Heili­ga­bend, fünf Messen an fünf ver­schiede­nen Orten feiern soll. Pfar­rer Stüdli ste­hen zwar noch ein Pfar­reiseel­sorg­er und, je nach Ver­füg­barkeit, auch mal eine Aushil­fe zur Seite, aber: «Das Volk­skirchen­denken muss aufhören. Es geht nicht mehr, dass jed­er Ort seinen eige­nen Seel­sorg­er hat. Die Men­schen ver­lan­gen aber, dass es immer noch so läuft wie vor 50 Jahren. Sie bezahlen ja schliesslich Steuern, also beste­hen sie auf den Dien­stleis­tun­gen der Kirche, dann, wenn sie es wollen.»

Die Zeit wäre reif, sagt Andreas Stüdli, um aus der reinen Kon­sumkirche von heute wieder eine Beken­nt­niskirche zu machen. Weg von der Steuerzahler­men­tal­ität, hin zur bewussten Entschei­dung jedes einzel­nen Kirchen­mit­glieds, das sich selb­st die Frage stelle und auch beant­worten könne: «Warum bin ich hier dabei?» Aus dieser Hal­tung her­aus, davon ist der pas­sion­ierte Seel­sorg­er überzeugt, könne eine Neue­van­ge­lisierung möglich wer­den: «Dabei kann ich mir gut vorstellen, meinen Leben­sun­ter­halt in einem anderen Beruf zu ver­di­enen und daneben als Arbeit­er­priester im Ehre­namt Seel­sorg­er zu sein.» Unter den jet­zi­gen Umstän­den beste­he für ihn die Gefahr darin, dass für die Seel­sorge kein Platz mehr bleibe, wenn man sich weit­er­hin an alten Struk­turen fes­tk­lam­mere, nur um das Sys­tem aufrechtzuer­hal­ten. So arbeit­et der Pas­toral­raump­far­rer, wie er sagt, «von der Hand in den Mund» und bemüht sich, allen Anforderun­gen gerecht zu wer­den. Für den seel­is­chen und kör­per­lichen Aus­gle­ich hält er sich an die Tagzeit­en­l­i­turgie und ist zwis­chen seinen fünf Pfar­reien auss­chliesslich per Velo unter­wegs.

Aufgaben delegieren können

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Auch Thomas Zim­mer­mann, Pfar­rer des Pas­toral­raums Oberes Freiamt, set­zt auf Bewe­gung, wenn es darum geht, den Kopf frei zu bekom­men: «Da ziehe ich ein­fach die Wan­der­schuhe an, und auf geht’s!» Viel Zeit dazu bleibt dem ver­ant­wortlichen Priester für sechs Pfar­reien mit 6’400 Katho­liken nicht. Obwohl ihm neben einem Kaplan und einem weit­eren mitar­bei­t­en­den Priester noch ein Leit­er Admin­is­tra­tion und Organ­i­sa­tion zur Seite ste­hen, fordert ihm die Pas­toral­raum­leitung viel ab: «Die struk­turell flächen­deck­ende Ver­sorgung kon­fron­tiert mich mit neuen Fragestel­lun­gen», erk­lärt Thomas Zim­mer­mann diplo­ma­tisch. «Immer mehr Akteure sind über sechs Pfar­reien einzu­binden. Tech­nis­che Lösun­gen und Effizien­zsteigerun­gen sind genau­so The­men, wie es in jedem KMU der Fall ist.» Die Coro­n­a­pan­demie sorgte für zusät­zliche Unruhe: «Plöt­zlich galt es, von einem Tag auf den anderen, Entschei­dun­gen des Bun­des und des Bis­tums umzuset­zen.» In dieser Sit­u­a­tion hat ihn Pius Hüsler, sein admin­is­tra­tiv­er und organ­isatorisch­er Leit­er, enorm ent­lastet: «Wer son­st hätte all die Infor­ma­tio­nen, die von aussen auf uns herun­ter­pras­sel­ten, ver­ar­beit­en und ser­iös umset­zen kön­nen?»

Pfar­rer Zim­mer­mann besitzt die Gnade und die Möglichkeit, delegieren zu kön­nen. Er beze­ich­net das als «ver­trauensvolles Loslassen und Übergeben von Auf­gaben an die Mitar­bei­t­en­den». Auch in und zwis­chen den Kirchenpfle­gen sein­er Pfar­reien und mit den Grup­pierun­gen inner­halb des Pas­toral­raums funk­tion­iert eine kon­struk­tive und wohlwol­lende Zusam­me­nar­beit. Den­noch blickt Thomas Zim­mer­mann nicht sor­gen­frei in die Zukun­ft: «Was mir länger­fristig zu denken gibt, ist der radikale Wan­del der priester­lichen Funk­tion­srolle. Kann der Priester, wie er heute einge­set­zt wird und mehrheitlich auf sich allein gestellt ist, im heuti­gen Wirken eine ‹ausstrahlungsstarke Beruf­si­den­tität›, so Rain­er Buch­er, bewahren? Wie lebe und arbeite ich in der Gegen­wart auf die Zukun­ft hin? Wie schaffe ich es, mir den Blick auf das ‹Lamm Gottes› vom vie­len Ober­fläch­lichen nicht ver­bauen zu lassen? Es braucht Wach­heit und Kraft, um das Wesentliche nicht aus den Augen zu ver­lieren.»

Chance für neue Formen

[esf_wordpressimage id=“30121” width=“half” float=“left”][/esf_wordpressimage]Von einem admin­is­tra­tiv­en und organ­isatorischen Leit­er kann Pfar­rer Roland Häfliger im Pas­toral­raum Region Lenzburg nur träu­men. Nach den Her­aus­forderun­gen in seinem Amt befragt, sagt der Ver­ant­wortliche für drei Pfar­reien mit knapp 13’000 Gläu­bi­gen: «Man muss sich nach der Decke streck­en. Es geht darum, auf all die dauern­den Verän­derun­gen zu reagieren und dafür zu sor­gen, dass es trotz­dem funk­tion­iert. Ger­ade durch die Coro­n­a­pan­demie wurde das wieder deut­lich. Man muss in jed­er Sit­u­a­tion flex­i­bel sein. Die Ver­ant­wor­tung ist gross, denn es geht immer darum, dass die Leute zufrieden und alle Auf­gaben erfüllt sind. Bei jed­er Man­age­men­tauf­gabe ist für mich entschei­dend, ob sie dem eigentlichen Auf­trag, der Seel­sorge, etwas bringt. Solange das stimmt, spiele ich mit – aber ich will dabei nicht draufge­hen.» Den zunehmenden Seel­sorg­er­man­gel sieht er in diesem Zusam­men­hang «…als möglichen Katalysator für mündi­ge Gläu­bige und neue For­men.»

Kirch­liche Mitar­beit­er neigten dazu, so Roland Häfliger, Nabelschau zu betreiben und dabei aus den Augen zu ver­lieren, dass sie eigentlich für die Gläu­bi­gen da sein soll­ten. Erstin­stan­zlich gehe es darum, Gottes­di­en­ste zu feiern, im grossen wie im kleinen Rah­men. «Dazu kommt die Seel­sorge. Die funk­tion­iert heute nicht mehr so, dass der Priester an der Tür klin­gelt, son­dern die Leute melden sich bei ihm, wenn sie etwas wollen. Dann muss es aber sofort passieren.» Der Pas­toral­raump­far­rer von Lenzburg arbeit­et auch in einem kleinen, aber gut einge­spiel­ten Team. Dabei tren­nt er ganz bewusst den Priester vom Pri­vat­mann Roland Häfliger: «Es ist zwar schon so: Priester ist man entwed­er mit Leib und Seele und aus Beru­fung oder gar nicht. Aber ich definiere mich als Roland Häfliger nicht über das Priester­tum. Ich bin ein Uni­formträger. Wenn ich die Uni­form ausziehe, dann bin ich pri­vat. Natür­lich bleibe ich Priester, auch wenn ich den Römerkra­gen ablege, aber im Gegen­satz zu früher trage ich heute in der Freizeit meine Uni­form nicht mehr. Ich habe gel­ernt, mich abzu­gren­zen.» Auf diese Weise find­et er auch den nöti­gen Aus­gle­ich zum arbeit­samen Beruf­sall­t­ag. In seinem Fre­un­deskreis ist er nicht «der Priester», auch nicht im Fit­nessstu­dio oder wenn er ein Buch liest, einen Doku­men­tarfilm schaut oder, wie er es for­muliert, sich ganz ein­fach «der Langeweile hin­gibt».

Christian Breitschmid
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