
Bild: © SRF/Gian Vaitl
Ich hätte gern mehr Sonntag
Stina Schwarzenbach arbeitet als Pfarrerin oft am Sonntag. Gerade deshalb hat sie den ersten Tag der Woche gern. Die Idee für das Wort zum Sonntag findet die vierfache Mutter im Alltag.
Was bedeutet Ihnen persönlich der Sonntag?
Stina Schwarzenbach: Ich hätte ihn eigentlich gern, aber in unserem Familienleben ist er negativ besetzt. Unsere vier Kinder sagen manchmal: «Der Sonntag ist der blödeste Tag der Woche.» Das hat wohl damit zu tun, dass sie Sonntags oft lernen müssen. Ich habe die Sonntage gern, an denen ich Gottesdienste gestalte. Das macht zwar auch Stress. Es gibt eine Anspannung vorher. Aber wenn es dann gut gelaufen ist, gibt mir der Gottesdienst viel, und danach geht es mir gut. Im Gottesdienst lebe ich meine Spiritualität. Ich hätte gerne mehr Sonntag, also mehr Sonntagsgefühl.
Wie wurden Sie Sprecherin vom Wort zum Sonntag?
Das ist kein Amt, auf das man sich bewerben kann. Ich wurde angefragt. Das Team der Sprecherinnen und Sprecher setzt sich immer aus zwei katholischen, zwei reformierten und einer christkatholischen Person zusammen. Alle zwei Jahre wird es von den jeweiligen Beauftragten für Radio und Fernsehen der Landeskirchen ausgewählt. Es gab ein offizielles Casting, bei dem noch eine Handvoll Menschen übrigblieben. Wer von ihnen die neue Sprecherin oder der neue Sprecher wird, entschieden die Beauftragten gemeinsam mit der Religionsredaktion von SRF.
Wie finden Sie Ihre Ideen für das Wort zum Sonntag?
Meine Ideen finde ich im Alltag. Was genau aus der Idee wird, weiss ich erst, wenn ich mich mit ihr an den Tisch setze und zu schreiben beginne.
Ich arbeite sehr kurzfristig und spontan. Nächste Woche gestalte ich das Wort zum Sonntag, heute weiss ich aber noch nicht, worüber ich dann sprechen werde. Meistens überlege ich mir das am Ende der Vorwoche. Bis Dienstagmittag in der Woche der Aufnahme muss ich jeweils einen Entwurf beim zuständigen Redaktor abgeben. Am Freitag nehmen wir auf, am Samstag wird ausgestrahlt. Das Schwierige dabei ist: Es handelt sich um ein mündliches Format, das möglichst spontan wirken sollte. Gleichzeitig muss der Beitrag aber schriftlich für den Teletext vorliegen.
Welche Vorgaben haben Sie?
Das einzige harte Kriterium ist die Länge des Textes. Ich darf vier Minuten nicht überschreiten. Beim Thema bin ich frei. Das ist ein grosses Privileg. Es gibt wenig Formate im Fernsehen, in denen das so ist. Selbstverständlich muss der Beitrag den Statuten des Senders entsprechen. Die Beiträge dürfen etwa nicht diskriminierend sein. Von kirchlicher Seite habe ich keine Vorgaben. Würde ich irgendetwas ganz Schräges erzählen, dann würde sich sicher jemand von der Kirche melden, aber im Voraus gibt es keine Vorgaben. Wenn ich unsicher bin, wie ein Beitrag ankommen wird, kann ich das Thema mit der Beauftragten für Radio und Fernsehen oder mit den Redaktorinnen und Redaktoren der Religionsredaktion besprechen.
Besprechen Sie Themen und Texte auch im Sprecher/innen-Team?
Beim Wort zum Sonntag nach dem Unglück in Crans-Montana haben wir uns beispielsweise zusammengesetzt und über den Text gesprochen. Von einem ehemaligen Sprecher weiss ich, dass er seinen Text immer mit fünf Freunden analysiert hat.
Für wen schreiben Sie das Wort zum Sonntag?
Ich stelle mir vor, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer am Samstagabend auf dem Sofa sitzen und schon parat sind für den Krimi, den sie schauen wollen. Doch dann kommt das Wort zum Sonntag. Diese Menschen zu erreichen ist meine grosse Herausforderung. Zum Glück treffe ich immer mehr Leute, welche die Sendung schauen und mir davon berichten. Manchmal stelle ich mir diese Menschen vor oder auch Gemeindemitglieder oder meine Familie und Bekannte. Und ich überlege, wie wir bei einem Abendessen über mein Thema sprechen würden.
Wie viel persönliche Haltung darf oder muss ein Wort zum Sonntag haben?
Es darf viel persönliche Haltung haben. Ich glaube sogar, dass das Wort zum Sonntag persönliche Haltung haben muss, weil es sonst blass bleibt. Ich stehe vor der Kamera mit meinem Gesicht und meinem Namen. Wenn ich etwas sage, das den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht passt, dann gehen sie nicht zur Kirche und sagen: ‹Ihre Vertreterin hat etwas Dummes gesagt›, sondern dann kommen sie zu mir. Ich finde, persönliche Haltung hat bei dieser Sendung Platz, aber immer im Bewusstsein, dass es auch andere Haltungen gibt.
Bekommen Sie Rückmeldungen?
Ich bekomme immer zwischen fünf und zehn Rückmeldungen, manchmal mehr, meistens per E‑Mail, obwohl der Sender meine E‑Mailadresse nicht veröffentlicht. Die Menschen wollen mir schreiben und suchen meine Adresse. Ich beantworte alle Zuschriften. Oft bedanken sich die Schreibenden bei mir und erzählen auch etwas von sich. Das ist schön. Manchmal werde ich auch gebeten, den Text zu versenden, etwa für die betagte Mutter. Vielleicht bin ich ein bisschen feige, aber ich halte mich mit provokativen Themen zurück. Ich mag mich der Kritik, die heute oft brutal ist, nicht aussetzen.
Wie routiniert oder nervös sind Sie bei den Aufzeichnungen?
Ich spreche das Wort zum Sonntag seit einem Jahr und langsam bekomme ich Routine. Nun kenne ich mich im Fernsehstudio aus. Gleichzeitig bleibt die Nervosität, weil ich den Text auswendig sprechen muss. Ich habe keinen Teleprompter, der mir hilft. Das erstaunt viele Menschen. Die Aufnahme wird nicht geschnitten, das bedeutet, dass ich jedes Mal wieder vorne anfangen muss, wenn ich aus dem Text falle. Zum Glück sind bei der Aufnahme nur jemand von der Regie und jemand vom Ton dabei. Die Fernsehmenschen sind sehr nett. Etwas mit ihnen zu plaudern, hilft gegen meine Nervosität.