Bei der Caritas

Wie Sie sich­er bemerkt haben, bin ich derzeit sel­tener in der Pfar­rei anzutr­e­f­fen. Wie ich Sie bere­its vor eini­gen Monat­en informiert habe, nutze ich diese Zeit, um mein im Studi­um erwor­benes the­o­retis­ches Wis­sen in der Prax­is anzuwen­den. Die ersten vier Monate meines Prak­tikums beim KRSD Baden sind inzwis­chen ver­gan­gen – eine inten­sive und lehrre­iche Zeit, die ich zu Beginn etwas unter­schätzt habe. Studi­um, Prak­tikum und der Ein­satz in der Pfar­rei erfordern viel Energie und Engage­ment.

Das Prak­tikum selb­st ist äusserst span­nend. Ich begleite viele Men­schen in ihren alltäglichen und oft sehr her­aus­fordern­den Lebenssi­t­u­a­tio­nen – in gewiss­er Weise ver­gle­ich­bar mit der Seel­sorge. Und doch unter­schei­den sich die Prob­lem­la­gen der Men­schen deut­lich von jenen in der Pfar­rei. Häu­fig kom­men Men­schen zu uns, die sich in exis­ten­zieller Not befind­en: Sie sind arbeit­s­los gewor­den, haben ihre Woh­nung ver­loren oder gekündigt bekom­men, sind in finanzielle Schwierigkeit­en ger­at­en oder sehen keinen Ausweg mehr aus ihren Schulden.

Ich lerne, diesen Men­schen in ein­er anderen Rolle zu begeg­nen als bish­er. Meine Tätigkeit als Pfar­rer war und ist dabei sehr hil­fre­ich. Den­noch benöti­gen die Men­schen, die sich an die Car­i­tas wen­den, weniger einen Seel­sorg­er als vielmehr einen Sozial­ber­ater, der sie konkret bei der Bewäl­ti­gung ihrer exis­ten­ziellen und finanziellen Prob­leme unter­stützt. Nicht immer gibt es eine Lösung, und oft fehlen auch die Möglichkeit­en oder Kapaz­itäten, um umfassend helfen zu kön­nen. Solche Sit­u­a­tio­nen kön­nen frus­tri­erend sein. Gle­ichzeit­ig lerne ich von meinen Arbeit­skol­legin­nen, dass man nicht allen helfen kann, selb­st wenn man es gerne möchte.

Diese Erfahrun­gen zeigen mir sehr deut­lich, dass Armut in der Schweiz eine reale und präsente Her­aus­forderung ist. Erst im direk­ten Kon­takt mit Men­schen, die unter oder knapp über dem Exis­tenzmin­i­mum leben, wird sicht­bar, dass Armut nicht nur in Afri­ka oder Asien existiert, son­dern auch bei uns – mit­ten in Europa, in einem wohlhaben­den Land.

Ich habe bish­er vieles Neues gel­ernt und weiss, dass noch viel vor mir liegt. Das Wichtig­ste jedoch bleibt, unab­hängig davon, ob ich als Pfar­rer oder als Sozialar­beit­er tätig bin: Im Zen­trum ste­ht immer der Men­sch.


Pfr. Bartek Migacz

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