Aus dem Vollen schöpfen
Obwohl das Martinsbrünneli fast ein wenig unscheinbar am Waldweg steht, soll sein Wasser es in sich haben.
© Marie-Christine Andres

Aus dem Vollen schöpfen

Teil 1 der Sommerserie «Zu den Quellen»

Die Sommerserie führt dieses Jahr zu Orten, wo Quellen entspringen. Auf dem Weg von Wittnau nach Wegenstetten gibt es aber noch einiges mehr zu entdecken.

Der ursprüngliche Grund unseres Aus­fluges, der Mar­tins­brun­nen in Wit­tnau, ste­ht abseits der Haupt­wan­der­route am Wegrand und plätschert friedlich vor sich hin. Schön, aber wenig spek­takulär. Dafür wartet der Weg von Wit­tnau nach Wegen­stet­ten mit ein­er Fülle an Sin­ne­sein­drück­en und manch­er Über­raschung auf: Zwei Lour­des-Grot­ten, einen Besin­nungsp­fad, einen Kraftort, einen keltischen Grab­hügel, einen Fin­d­ling und ein Wal­dreser­vat gibt es unter­wegs zu ent­deck­en.

Kirschbaumholz

Auf den Hügeln rund um Wit­tnau reifen die Kirschen. Hier ist auch das Holz gewach­sen, aus dem der Wit­tnauer Kün­stler, Gold­schmied und Musik­er Samuel Freiburghaus das Kreuz für die Kirche St. Michael geschaf­fen hat. Seit 2022 bildet das Werk aus Kirschbaumholz im Chor­raum eine Ein­heit mit Ambo und Altar. Das sei­dig glänzende, mit Blattgold verzierte Kreuz zieht uns in seinen Bann. Noch wis­sen wir nicht, dass wir dreiein­halb Kilo­me­ter und 300 Höhen­meter weit­er seinen «kleinen Brud­er» antr­e­f­fen wer­den.

Sunnhaldenquelle zur Rechten Marias

Wir machen uns von der Kirche auf den Weg Rich­tung Wit­tnauer Horn und fol­gen dafür den braunen Weg­weis­ern des Mar­tin­swegs. Der Weg führt steil bergauf, so dass der Blick bere­its nach kurz­er Zeit über die Hügel schweifen kann. Die Zweige am Wegrand sind schon schw­er und verkün­den: «Bald ist Chrie­sizeit!» Hell- und dunkel­grün hän­gen Hol­un­der und Hasel­nuss in unseren Pfad, es zwitschert, summt und plätschert.

Die Bänke im Hal­bkreis um die Lour­des­grotte laden zum Ver­weilen ein. Hier wacht Maria, und Bernadette von Soubirous kni­et mit gefal­teten Hän­den zu ihren Füssen. Die Lour­des-Grotte ist eine von vie­len in den Frick­taler Gemein­den. Aus einem Stein neben der Gotte ragt ein Wasser­hahn, der kläglich vor sich hin tropft. Eine Frei­willige der Grot­tenkom­mis­sion, die ger­ade den Behäl­ter mit den Ker­zli auf­füllt, bemerkt das. Sie schiebt ein paar Steine zur Seite, find­et den Haupthahn und bringt das Quell­wass­er wieder zum Fliessen. Das Wass­er strömt zuerst bräun­lich, dann immer klar­er in den gemauerten Brun­nen­trog, der 2002 zum 100-Jahr-Jubiläum der Grotte errichtet wurde. Es stammt aus der «Sunnhalden­quelle», die hier am Berghang aus­tritt und min­er­al­haltiges Wass­er sprudeln lässt.
Wir zün­den zu Füssen Marias eine Kerze an und gehen weit­er. Ein Besin­nungsweg mit zwölf Sta­tio­nen, der 2003 zum Kan­ton­sju­biläum ent­standen ist, führt den bewalde­ten Hang ent­lang auf den Buschberg. Die Sta­tio­nen wur­den von Mar­tin Hag­mann, Zeichen­lehrer an der Kan­ton­ss­chule Frick, gestal­tet. Sie erzählen vom Lei­densweg Jesu. Der Blick durch die Glas­fen­ster ermögliche den Blick in unser eigenes Leben, heisst es in der Wegleitung, die wir in der Kirche St. Michael gekauft haben. Seit dem 15. Jahrhun­dert gibt es Kreuzwege, die das Lei­den und Ster­ben Jesu darstellen. Der Besin­nungsweg zur Buschbergkapelle wolle den Spaziergängern und Wan­derin­nen ein Stück Leben­shil­fe anbi­eten, erk­lärt die Broschüre.

«Häsch vom Martinsbrünneli gsoffe  …»

Wir nehmen jedoch den Wan­der­weg über das Wit­tnauer Horn in Angriff. Wer näm­lich die Quelle beim Mar­tins­brun­nen besuchen will, muss einen kleinen Abstech­er an die Nord­flanke des Wit­tnauer Horns in Kauf nehmen, ein Weg­weis­er zeigt die Rich­tung an. Die Sage erzählt, dass am Mar­tins­brun­nen Bergjungfrauen gehaust und das Vieh vor den Wölfen beschützt hät­ten. Die mildtäti­gen Jungfrauen hät­ten den Hirten gar süsse Kuchen und frische Brote hin­gelegt. Ausser­dem gab es den Brauch, dass die Wit­tnauer Buben im Mai zum Brun­nen spurteten, weil jed­er als erster vom Wass­er trinken wollte. Die Men­schen aus dem Nach­bar­dorf beäugten das Treiben und behaupteten, das Wass­er mache die Buben ver­rückt. Daher kommt der Ausspruch: «Häsch vom Mar­tins­brün­neli gsoffe, as so brüelisch». Wir testen das Wass­er, spüren aber auss­er der Wan­der­freude nichts weit­er und nehmen die paar Höhen­meter unter die Füsse, um zurück auf den Wan­der­weg zu gelan­gen.

Aus vorgeschichtlicher Zeit

Das Wit­tnauer Horn ist der geschicht­strächtig­ste Ort auf unserem Weg. Über Jahrtausende war der steil aufra­gende Sporn Wohn- und Zuflucht­sort. Im Jahr 1934 wurde hier die erste wis­senschaftliche Grabung der Schweiz begonnen. Die Archäolo­gen ent­deck­ten, dass der Ort in ver­schiede­nen Epochen besiedelt war. Die ältesten Steingeräte und Keramikscher­ben kon­nten der Jung­steinzeit zwis­chen 4300 und 2300 v. Chr. sowie der Früh­bronzezeit von 1800 bis 1500 v. Chr. zuge­ord­net wer­den. Die heute noch sicht­baren Mauern stam­men aus römis­ch­er Zeit und dem Mit­te­lal­ter.

Verdichtet und aufgeladen

An diesem Ort, wo Men­schen seit vorgeschichtlich­er Zeit Spuren hin­ter­lassen haben, darf der Wald heute ungestört von men­schlichen Ein­grif­f­en wach­sen. Das Natur­wal­dreser­vat Tier­stein­berg wird nicht bewirtschaftet, so dass alte Bäume umstürzen und Tier- und Pilzarten Leben­sräume im Totholz find­en. Der dichte, wilde Wald ver­stärkt den Ein­druck, durch eine geschichtlich, spir­ituell und ener­getisch aufge­ladene Gegend zu wan­dern.
Aber­mals ver­lassen wir den Wan­der­weg in Rich­tung Buschbergkapelle. Der Ort, an dem sie ste­ht, ist schon im Mirakel­buch des Klosters Mari­astein verze­ich­net. Denn dort habe sich im Jahr 1668 ein Wun­der zuge­tra­gen: Benedikt Mar­tin, ein Müller von Kien­berg, hat­te einen Mühlstein in Degerfelden gekauft und war mit dem ton­nen­schw­eren Stein unter­wegs nach Hause. Vierzehn Pferde habe er an seinen Wagen ges­pan­nt, um die Last über den Buschberg zu trans­portieren. Auf der Höhe der heuti­gen Kapelle kam Benedikt Mar­tin zu Fall, und der Wagen fuhr ihm über die Beine. Doch ein «Glücksstein» legte sich dazwis­chen und der Müller blieb unversehrt. Bis nach dem Zweit­en Weltkrieg pil­gerten Men­schen aus dem ganzen Land zu der Stelle, an dem das Wun­der geschehen war. Dann nahm die Zahl der Besuchen­den ab. Ein Gäste­buch in der offe­nen Kapelle zeigt, dass der Ort immer noch sehr geschätzt wird. Als Ort der Ruhe, um Kraft zu schöpfen, Gottes­di­enst zu feiern oder ein­fach die wun­der­schöne Land­schaft zu geniessen. Dass die Kapelle ein beson­der­er Ort ist, haben in den 1990er-Jahren Men­schen mit Pen­deln und Ruten beweisen wollen. Die Geo­bi­olo­gin Blanche Merz nahm die Buschbergkapelle in ihr Verze­ich­nis der Kraftorte auf, die über beson­dere Energien ver­fü­gen sollen.

Hinab nach Wegenstetten

Nach­dem wir das samtig scheinende Holz des kleineren Kreuzes von Samuel Freiburghaus bewun­dert haben, machen wir uns an den Abstieg nach Wegen­stet­ten. Wir entschei­den uns für den steil­eren Abstieg, weil wir das Postau­to erre­ichen wollen. Es hat aber auch eine gemütlichere Weg­vari­ante, die sich zum Dorf hin­unter schlän­gelt. Das Win­ter­hold­en­bäch­lein plätschert am Wegrand. Es entspringt am bewalde­ten Hang unter­halb des Tier­stein­bergs und bestätigt unseren Ein­druck, dass wir in dieser Gegend noch lange nicht alles ent­deckt haben.

Redaktion Lichtblick
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