Kardinalspredigt zum Festtag von Mariastein
Kardinal Kurt Koch hielt die Festpredigt am 15. August 2026 in Mariastein.
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Kardinalspredigt zum Festtag von Mariastein

Jubiläumsgottesdienst im Kloster Mariastein

Der Wallfahrtsort Mariastein im Kanton Solothurn feierte am vergangenen Wochenende Jubiläum. Die Festmesse fand am Samstag, dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, statt. In seiner Predigt betonte Kardinal Kurt Koch, dass Maria Gott an die erste Stelle gesetzt habe.

Mari­astein ist ein Marien­wall­fahrt­sort von gross­er, gren­züber­schre­i­t­en­der Ausstrahlung. Tat­säch­lich befind­et sich die schweiz­erisch-franzö­sis­che Gren­ze nur ein Stein­wurf ent­fer­nt, und auch Deutsch­land ist nah.

So ver­wun­dert es nicht, dass an diesem mar­i­an­is­chen Hochfest Gläu­bige von über­all her in die Klosterkirche strömten. Auch die Klapp­stüh­le waren schliesslich alle beset­zt, es mögen gut und gerne sechs­hun­dert Per­so­n­en zusam­mengekom­men sein. Dass Kar­di­nal Kurt Koch der Liturgie vor­stand, übte natür­lich zusät­zliche Anziehung aus. Der einzige Schweiz­er Kar­di­nal ist als guter Predi­ger bekan­nt.

Äussere Zeichen für innere Wirklichkeiten

Mari­astein feierte ein dop­peltes Jubiläum: hun­dert Jahre Krö­nung der Marien­stat­ue und hun­dert Jahre Erhe­bung der Kirche zur basil­i­ca minor, ein Ehren­ti­tel. Let­zteres wird durch den rot-gel­ben Bal­dachin, dem Umbrac­u­lum, auf der linken Seite des Hochal­tars angezeigt und durch das Tin­til­l­ab­u­lum, das Glöckchen, das beim feier­lichen Einzug mit­ge­tra­gen wurde.

Abt Lud­wig, der dem Benedik­tin­erk­loster vorste­ht, erläuterte diese Zeichen in der Ein­leitung zur Festmesse: Gekrönt werde Maria nicht mit ein­er irdis­chen Kro­ne, die Macht anzeigt, son­dern mit Gott. Die Kro­ne macht die innige Beziehung zum Schöpfer sicht­bar. Und basil­i­ca minor sei nicht ein­fach ein Ehren­ti­tel aus alten Zeit­en son­dern ver­weise auf die Ver­bun­den­heit von Mari­astein mit der Weltkirche. 

Feuerprobe des Christentums

Der Philosoph Jean-Paul Sartre war sein Leben lang überzeugter Athe­ist. Auf dem Ster­be­bett wurde er gefragt, ob es ein Leben nach dem Tod gäbe. Mit schwach­er Stimme antwortete er: «peut-être», vielle­icht. So begann Kar­di­nal Kurt Koch seine Fest­predigt. Viele Men­schen wür­den heute ähn­lich antworten, die christliche Verkündi­gung dringe immer weniger durch.

Der heilige Paulus stand schon vor der Her­aus­forderung, das schwierige The­ma zu erk­lären. Er brachte die Bedeu­tung der Aufer­ste­hung unmissver­ständlich auf den Punkt. In 1. Kor. 15,14 schreibt er: «Ist aber Chris­tus nicht aufer­weckt wor­den, so ist unsere Predigt verge­blich, so ist auch euer Glaube leer.» Der Glaube an die Aufer­ste­hung sei die «Feuer­probe» des Chris­ten­tums, so der Kar­di­nal. Maria sei die erste Aufer­standene unter den Men­schen, «das stellt sich in der christlichen Glaubenslogik von selb­st ein». Maria Auf­nahme in den Him­mel sei dementsprechend «Ostern für Maria», for­mulierte Koch präg­nant.

Schönheit und Leiblichkeit

Poet­is­ch­er sagte es die Dich­terin und Nonne Sil­ja Wal­ter (1919–2011), die im Kloster Fahr gelebt hat: «Ihn, die sie auf­nahm, er nimmt nun sie auf». Aber was heisst Auf­nahme in den Him­mel eigentlich? Him­mel ereigne sich nicht nur zwis­chen Gott und Maria, vielmehr sei Him­mel «offene Gemein­schaft aller Heili­gen», so der ehe­ma­lige Pro­fes­sor für Dog­matik und Liturgiewis­senschaft der Uni­ver­sität Luzern.

Die Liturgie nen­nt die Mut­ter­gottes «tota pul­chra», ganz schön, makel­los schön. Das musste Papst Johannes Paul I im Sinn gehabt haben, als er auf die Frage nach der Stel­lung der Frau antwortete: «Die Vol­len­dung des Geschöpfes vol­lzieht sich bei der Frau».

Gegen Entmaterialisierung

Dass Maria nicht nur als Seele, son­dern mit Leib und Seele in den Him­mel aufgenom­men wurde, zeigt uns, dass «der Leib in die Vol­len­dung ein­be­zo­gen» wird. «Was ist uns eigen­tüm­lich­er als unser Leib?», fragte der Predi­ger rhetorisch.

Damit traf er einen Nerv, denn wir leben in ein­er Zeit, in der die Mate­ri­al­ität entschwindet. Viele arbeit­en heute am Com­put­er und bear­beit­en Sym­bole. Und die unzäh­li­gen Gegen­stände, die wir anhäufen, haben wir nicht selb­st gemacht. Viele hadern auch mit ihrem eige­nen Leib. Dass Geist, Seele und Leib eine Ein­heit bilden, ist christliche Lehre und Gegen­mit­tel gegen alle Ten­den­zen der Ent­ma­te­ri­al­isierung und Reduzierung des Men­schen auf das eine oder andere.  

Ein starkes Amen

Maria ist uns Vor­bild, weil sie Gott an die erste Stelle geset­zt hat. Im Mag­ni­fi­cat macht sie Gott gross, das ist das «grösste Geheim­nis des Glaubens.» Vieles ist uns wichtig, aber nicht die Sache Gottes, bilanzierte Koch. Anders Maria: «Die einzige Sache, die Eile ver­di­ent, ist die Anbe­tung Gottes.» Dieses ver­di­ent kein «schwach­es ‹peut-être›, son­dern ein starkes Amen.»

Die schöne Kirche wurde noch schön­er durch die pon­tif­ikale Liturgie, die von vier Schweiz­er­gardis­ten flankiert wurde. Gott ist nicht nur in höch­stem Masse gut und wahr, er ist auch schön. Es ist eine urkatholis­che Überzeu­gung, dass die irdis­che Schön­heit, die sich auch in ein­er Kirche und in einem Gottes­di­enst mate­ri­al­isieren kann, ein Abglanz der göt­tlichen darstellt.

Die Kro­ne, der Bal­dachin, der Hochal­tar, die litur­gis­chen Gewän­der – alles ver­wies an diesem Feiertag auf die Schön­heit Gottes. Das Fest­pro­gramm fand am Son­ntag mit der Auf­führung des Werks Sta­bat Mater von Gio­van­ni Per­gole­si durch das Sin­fonieorch­ester Biel Solothurn seinen Abschluss.

Francesco Papagni, kath.ch
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