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Kardinalspredigt zum Festtag von Mariastein
Jubiläumsgottesdienst im Kloster Mariastein
Der Wallfahrtsort Mariastein im Kanton Solothurn feierte am vergangenen Wochenende Jubiläum. Die Festmesse fand am Samstag, dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, statt. In seiner Predigt betonte Kardinal Kurt Koch, dass Maria Gott an die erste Stelle gesetzt habe.
Mariastein ist ein Marienwallfahrtsort von grosser, grenzüberschreitender Ausstrahlung. Tatsächlich befindet sich die schweizerisch-französische Grenze nur ein Steinwurf entfernt, und auch Deutschland ist nah.
So verwundert es nicht, dass an diesem marianischen Hochfest Gläubige von überall her in die Klosterkirche strömten. Auch die Klappstühle waren schliesslich alle besetzt, es mögen gut und gerne sechshundert Personen zusammengekommen sein. Dass Kardinal Kurt Koch der Liturgie vorstand, übte natürlich zusätzliche Anziehung aus. Der einzige Schweizer Kardinal ist als guter Prediger bekannt.
Äussere Zeichen für innere Wirklichkeiten
Mariastein feierte ein doppeltes Jubiläum: hundert Jahre Krönung der Marienstatue und hundert Jahre Erhebung der Kirche zur basilica minor, ein Ehrentitel. Letzteres wird durch den rot-gelben Baldachin, dem Umbraculum, auf der linken Seite des Hochaltars angezeigt und durch das Tintillabulum, das Glöckchen, das beim feierlichen Einzug mitgetragen wurde.
Abt Ludwig, der dem Benediktinerkloster vorsteht, erläuterte diese Zeichen in der Einleitung zur Festmesse: Gekrönt werde Maria nicht mit einer irdischen Krone, die Macht anzeigt, sondern mit Gott. Die Krone macht die innige Beziehung zum Schöpfer sichtbar. Und basilica minor sei nicht einfach ein Ehrentitel aus alten Zeiten sondern verweise auf die Verbundenheit von Mariastein mit der Weltkirche.
Feuerprobe des Christentums
Der Philosoph Jean-Paul Sartre war sein Leben lang überzeugter Atheist. Auf dem Sterbebett wurde er gefragt, ob es ein Leben nach dem Tod gäbe. Mit schwacher Stimme antwortete er: «peut-être», vielleicht. So begann Kardinal Kurt Koch seine Festpredigt. Viele Menschen würden heute ähnlich antworten, die christliche Verkündigung dringe immer weniger durch.
Der heilige Paulus stand schon vor der Herausforderung, das schwierige Thema zu erklären. Er brachte die Bedeutung der Auferstehung unmissverständlich auf den Punkt. In 1. Kor. 15,14 schreibt er: «Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube leer.» Der Glaube an die Auferstehung sei die «Feuerprobe» des Christentums, so der Kardinal. Maria sei die erste Auferstandene unter den Menschen, «das stellt sich in der christlichen Glaubenslogik von selbst ein». Maria Aufnahme in den Himmel sei dementsprechend «Ostern für Maria», formulierte Koch prägnant.
Schönheit und Leiblichkeit
Poetischer sagte es die Dichterin und Nonne Silja Walter (1919–2011), die im Kloster Fahr gelebt hat: «Ihn, die sie aufnahm, er nimmt nun sie auf». Aber was heisst Aufnahme in den Himmel eigentlich? Himmel ereigne sich nicht nur zwischen Gott und Maria, vielmehr sei Himmel «offene Gemeinschaft aller Heiligen», so der ehemalige Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft der Universität Luzern.
Die Liturgie nennt die Muttergottes «tota pulchra», ganz schön, makellos schön. Das musste Papst Johannes Paul I im Sinn gehabt haben, als er auf die Frage nach der Stellung der Frau antwortete: «Die Vollendung des Geschöpfes vollzieht sich bei der Frau».
Gegen Entmaterialisierung
Dass Maria nicht nur als Seele, sondern mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, zeigt uns, dass «der Leib in die Vollendung einbezogen» wird. «Was ist uns eigentümlicher als unser Leib?», fragte der Prediger rhetorisch.
Damit traf er einen Nerv, denn wir leben in einer Zeit, in der die Materialität entschwindet. Viele arbeiten heute am Computer und bearbeiten Symbole. Und die unzähligen Gegenstände, die wir anhäufen, haben wir nicht selbst gemacht. Viele hadern auch mit ihrem eigenen Leib. Dass Geist, Seele und Leib eine Einheit bilden, ist christliche Lehre und Gegenmittel gegen alle Tendenzen der Entmaterialisierung und Reduzierung des Menschen auf das eine oder andere.
Ein starkes Amen
Maria ist uns Vorbild, weil sie Gott an die erste Stelle gesetzt hat. Im Magnificat macht sie Gott gross, das ist das «grösste Geheimnis des Glaubens.» Vieles ist uns wichtig, aber nicht die Sache Gottes, bilanzierte Koch. Anders Maria: «Die einzige Sache, die Eile verdient, ist die Anbetung Gottes.» Dieses verdient kein «schwaches ‹peut-être›, sondern ein starkes Amen.»
Die schöne Kirche wurde noch schöner durch die pontifikale Liturgie, die von vier Schweizergardisten flankiert wurde. Gott ist nicht nur in höchstem Masse gut und wahr, er ist auch schön. Es ist eine urkatholische Überzeugung, dass die irdische Schönheit, die sich auch in einer Kirche und in einem Gottesdienst materialisieren kann, ein Abglanz der göttlichen darstellt.
Die Krone, der Baldachin, der Hochaltar, die liturgischen Gewänder – alles verwies an diesem Feiertag auf die Schönheit Gottes. Das Festprogramm fand am Sonntag mit der Aufführung des Werks Stabat Mater von Giovanni Pergolesi durch das Sinfonieorchester Biel Solothurn seinen Abschluss.
