Freiwillige sind unbezahlbar
Zwei Freiwillige am Taizé-Tag in Baden an Pfingsten 2026.
© Reto Schlatter

Freiwillige sind unbezahlbar

Freiwillige lassen sich auf andere Menschen ein und schenken ihnen ihre Zeit und Aufmerksamkeit

Die UNO hat 2026 zum Jahr der Freiwilligen ausgerufen. Es soll weltweit das freiwillige Engagement würdigen. Auch im «Lichtblick»-Gebiet engagieren sich viele Menschen freiwillig. Wir stellen hier drei von ihnen vor.


Gelebte ​Nächstenliebe

Alle zwei Wochen ist Astrid Bon­saver am Mon­ta­gnach­mit­tag da, um Men­schen in der Gemeinde Wohlen Deutsch beizubrin­gen. Sie erzählt uns, dass nicht jede geflüchtete Per­son, die in die Schweiz kommt, automa­tisch an einem Deutschkurs teil­nehmen kann. «Ich finde es sin­nvoll, da einzus­prin­gen und mit den Men­schen All­t­agssi­t­u­a­tio­nen zu üben, die ihnen konkret weit­er­helfen». Auf die Frage, warum sie sich ehre­namtlich engagiert, antwortet sie: «Ich habe bere­its mit­gemacht, als ich noch gear­beit­et habe, aber vor allem jet­zt, wo ich Rent­ner­in bin, habe ich Zeit.» Bon­saver sieht, dass Men­schen Unter­stützung brauchen, und möchte da etwas beitra­gen. Sie ergänzt: «Ausser­dem merke ich, dass es mir selb­st auch gut­tut.» Es gäbe zwar keinen mon­etären Lohn, aber sie sei nach den Deutschstun­den oft mit Energie geladen und voller Freude über die Men­schen, die da waren, um zu ler­nen. Bon­saver find­et: «Solange das so ist, solange ich merke, dass mir das Engage­ment gut­tut, mache ich das sehr gerne.»

Astrid Bon­saver

Wenn die Men­schen zum ersten Mal in die Deutschstunde kom­men, sind es Fremde für Bon­saver. Dann ste­ht da vor ihr ein Men­sch aus ein­er anderen Kul­tur mit ein­er Geschichte, die sie nicht ken­nt. Ver­ständ­nis für den Men­sch entwick­elt sich, so hat sie es erlebt, wenn man die Fremde oder den Frem­den bess­er ken­nen­lernt: «In der Begeg­nung wird der fremde Men­sch zu einem bekan­nten und dadurch nimmt man automa­tisch Anteil an ihrem oder seinem Schick­sal. Das macht den Unter­schied, dieses Sich-Ein­lassen auf einen Men­schen.»

Was sie eben­falls schätzt, ist das Einge­bun­den­sein in das Frei­willi­gen­team. Sie erzählt, dass im Team neue Ideen entste­hen. Jede und jed­er bringt etwas ein, und daraus entwick­elt sich oft eine richtige Dynamik. Wenn viele Ideen zusam­menkom­men, entste­ht bei ihr das Gefühl, dass ein gemein­samer «Dri­ve» ein­set­zt. Beson­ders beflügel­nd ist für sie, wenn sie merkt, dass auch die Teil­nehmerin­nen der Deutschstun­den Freude daran haben. Diese Begeis­terung überträgt sich, ver­stärkt die Stim­mung und trägt die Gruppe weit­er. So entste­ht eine pos­i­tive Energie, in der vieles wie von selb­st läuft. Die Moti­va­tion ist hoch, und es fällt ihr und den anderen Frei­willi­gen leicht, dranzubleiben und sich weit­er­hin zu engagieren. Genau so schätzt sie aber, dass Ver­ant­wor­tung sich im Team auf mehrere Schul­tern verteilt: «Es ist wichtig, dass ich mich auch abgren­zen kann, dass ich sagen kann: ‹Diesen Monat kann ich nur zweimal kom­men›, ohne dauernd darüber nach­denken zu müssen, dass dann vielle­icht nie­mand da ist.»

Das Engage­ment von Frei­willi­gen ist wichtig für die Gesellschaft, davon ist Astrid Bon­saver überzeugt. «Wir kön­nten niemals alles bezahlen, was in diesem Land durch Frei­willige geleis­tet wird!» Sie denkt dabei an die klas­sis­che Frei­willi­ge­nar­beit, und eben­falls an Gross­müt­ter, die Enkelkinder hüten, an Men­schen, die ihre Ange­höri­gen pfle­gen oder an Nach­barschaft­shil­fe. Sie ergänzt: «Ich finde aber auch, dass unsere Gesellschaft so funk­tion­ieren sollte, dass wir Men­schen einen Gefall­en tun, ohne dafür bezahlt zu wer­den oder etwas zu erwarten.» Für sie ist das gelebte Diakonie – tätige Näch­sten­liebe. Bon­saver find­et, dass es darum geht, nicht nur auf sich selb­st zu schauen, son­dern auch auf die anderen. Das ist für sie gelebter Glaube. «Das ist etwas, das ich aus der Kirche mit­nehme und im eige­nen Han­deln leben kann: in dieser gegen­seit­i­gen Zuwen­dung Sinn und Freude zu find­en.»

Zugehörigkeit weitergeben

Calogero Mar­tu­rana engagiert sich seit vie­len Jahren in sein­er Pfar­rei, der ital­ienis­chsprachi­gen Gemeinde San Pio X in Basel, in ein­er Vielfalt von Ehrenämtern. Seit mehr als zehn Jahren koor­diniert er eine Frei­willi­gen­gruppe in sein­er Pfar­rei, die sich um Geflüchtete küm­mert. Daneben engagiert er sich gemein­sam mit sein­er Frau und einem weit­eren Ehep­aar in der Ehevor­bere­itung. «Es geht nicht um The­o­rie», betont er, «son­dern darum, das echte Leben zu zeigen.» Ausser­dem ist er seit über 15 Jahren Teil ein­er Fam­i­lien­gruppe, in der die Teil­nehmenden ihr Glaubenswach­s­tum fördern und ihre Spir­i­tu­al­ität ver­tiefen, wirkt im Pfar­reirat und in der Finanzkom­mis­sion mit und übern­immt litur­gis­che Auf­gaben als Lek­tor und Eucharistiespender. «Das ist alles ein­fach gewach­sen», sagt Mar­tu­rana. Und tat­säch­lich begin­nt seine Geschichte «ganz klas­sisch als Min­is­trant», wie er erzählt. San Pio X. ist die Pfar­rei, in der er getauft wurde, dort hat sich ein Gefühl von Zuge­hörigkeit entwick­elt, das weit über religiöse Prax­is hin­aus­ge­ht. «Es ist unser Bezug­sort», sagt er.

Calogero Mar­tu­rana

Diese Zuge­hörigkeit will er weit­ergeben. «Ich möchte Men­schen willkom­men heis­sen, egal woher sie kom­men, ihnen ein Gefühl von Heimat geben.» Beson­ders deut­lich wurde ihm das im Jahr 2015. Während eines Sab­bat­i­cals engagierte er sich in der öku­menis­chen Seel­sorge für Asyl­suchende. «Eine Begeg­nung mit ein­er syrischen Fam­i­lie hat mich dabei beson­ders geprägt », erzählt er. Aus diesem Erleb­nis ent­stand der Wun­sch, struk­turi­ert Hil­fe zu leis­ten. Mar­tu­rana stellte die Frei­willi­gen­gruppe der Pfar­rei auf die Beine. Dort geht es um ganz Konkretes: Klei­dung organ­isieren, zuhören, gemein­sam Zeit ver­brin­gen. Ger­ade mit unbe­gleit­eten min­der­jähri­gen Asyl­suchen­den wer­den Aktiv­itäten gestal­tet, die ihnen kleine Inseln der Leichtigkeit in ihrem All­t­ag ermöglichen. «Zu sehen, wie sie auf­blühen, das ist ein­ma­lig.»

Sein Engage­ment beschreibt Mar­tu­rana als etwas Natür­lich­es. «Es ist ein Dienen», sagt er, «servizio.» Seine Fähigkeit­en in den Dienst der Gemein­schaft zu stellen, ver­ste­ht er als Beru­fung. Die Begeg­nung mit Men­schen ste­ht dabei im Mit­telpunkt: «Urteils­frei auf Men­schen zuge­hen, den Reich­tum des Ander­s­seins erleben, ger­ade heute ist das wichtiger denn je.»

Seine Moti­va­tion speist sich auch aus dem Glauben. Für Mar­tu­rana ist frei­williges Engage­ment eine Form, das Christ­sein konkret wer­den zu lassen. Für ihn heisst das: nicht nur darüber reden, son­dern han­deln. «Ich kann nur für mich sprechen, aber ich finde, wenn du die Liebe von Chris­tus spürst, dann kannst du gar nicht anders, als dich zu engagieren.»

Gle­ichzeit­ig ist das Engage­ment für ihn selb­st eine wichtige Quelle von Bal­ance. «Es erdet mich», sagt er. In seinem beru­flichen All­t­ag arbeite er sehr ratio­nal. Die Frei­willi­ge­nar­beit sei der Aus­gle­ich, und: «Man bekommt so viel zurück: Ver­trauen, Begeg­nun­gen, echte Beziehun­gen.»

Für Mar­tu­rana ist klar: Ohne frei­williges Engage­ment würde eine Gesellschaft nicht funk­tion­ieren. «Es schafft Gemein­schaft und es bringt eine Gesellschaft voran, indem jed­er etwas von sich selb­st hinein­gibt», meint er. «Son­st bleibt jed­er bei sich und irgend­wann implodiert das Ganze.»

«Ich finde es schön, dass frei­williges Engage­ment gewürdigt wird», sagt Mar­tu­rana. Aktio­nen wie das UNO-Jahr der Frei­willi­gen seien wichtig, weil sie sicht­bar machen, was oft im Stillen geschieht. «Vielle­icht motiviert das auch andere, diesen Weg zu gehen», über­legt er. «Tu Gutes und sprich darüber», fasst er zusam­men.

Ver­bun­den damit ist für ihn ein klar­er Wun­sch: «Wenn Men­schen sich engagieren wollen, dann brauchen sie auch die entsprechen­den Rah­menbe­din­gun­gen.» Insti­tu­tio­nen müssten bere­it sein, Räume, Ressourcen und Ver­trauen zur Ver­fü­gung zu stellen. Entschei­dend sei dabei die Hal­tung: «Sie sollen eher begleit­en als kon­trol­lieren. Bei uns funk­tion­iert das sehr gut», sagt er. Und am Ende bleibt ein Satz, den er ohne Zögern sagt: «Frei­williges Engage­ment lohnt sich. Du gib­st etwas, aber du bekommst so viel mehr zurück.»

Ein Gegenüber, das zuhört

Alexan­dra Bohrer lebt in Ober­wil im Basel­bi­et, hat vier Kinder und bewirtschaftet gemein­sam mit ihrem Mann einen Land­wirtschafts­be­trieb. Bis zum zweit­en Kind arbeit­ete die gel­ernte Pflege­fach­frau noch in ihrem Beruf. Aber auch danach, mit zuerst drei und dann vier kleinen Kindern set­zte sie einen Teil ihrer Energie für die All­ge­mein­heit ein. Sie engagierte sich als Tages­mut­ter und im Vor­stand der Tages­fam­i­lien. Auch bei der Kinderklei­der­börse der Pfar­rei half Alexan­dra Bohrer mit.

Alexan­dra Bohrer

In der Lokalzeitung las Alexan­dra Bohrer über das Pro­jekt Weg­be­gleitung. «Ich dachte, wenn ich als Tages­mut­ter aufhöre, mache ich das», erin­nert sich die heute 50-Jährige.

Vor zwei Jahren besuchte Bohrer den Ein­führungskurs der Weg­be­gleitung Lei­men­tal. Das Ange­bot der katholis­chen und reformierten Kirchge­mein­den im Lei­men­tal unter­stützt Men­schen in ein­er schwieri­gen Lebenssi­t­u­a­tion kosten­los.

Im Ein­führungskurs ver­mit­tel­ten die Kon­tak­t­stel­len­lei­t­erin­nen den Frei­willi­gen das Konzept der Weg­be­gleitung und zeigten ihnen auf, was ihre Rechte und Pflicht­en sind. In Rol­len­spie­len übten die Frei­willi­gen, wie sie sich in ver­schiede­nen Sit­u­a­tio­nen ver­hal­ten kön­nen. Die Frei­willi­gen begleit­en bei ihren Ein­sätzen Men­schen, die sich beispiel­sweise ein­sam fühlen, einen kranken Ange­höri­gen betreuen, sich in Tren­nung befind­en oder Hil­fe bei admin­is­tra­tiv­en Auf­gaben brauchen. Alexan­dra Bohrer weiss noch, dass sie auf dem Blatt, auf dem sie auswählen kon­nte, welche Art von Ein­satz für sie in Frage komme, alle Optio­nen angekreuzt hat: «Ich kann mich gut auf ver­schiedene Sit­u­a­tio­nen und Men­schen ein­lassen und meine eige­nen Ideen falls nötig zurück­stellen», sagt sie.

Im Moment begleit­et Bohrer eine 90-jährige Frau, die sie jede Woche am Don­ner­sta­gnach­mit­tag besucht. Beim ersten Tre­f­fen mit der Kli­entin war die Kon­tak­t­stel­len­lei­t­erin eben­falls dabei und sie legten zu dritt den Rah­men der Begleitung fest. Sie klärten gemein­sam wann, wie oft und wo die Tre­f­fen stat­tfind­en sollen und was die begleit­ete Frau von den Tre­f­fen sich erhofft. «Sie wün­schte sich vor allem jeman­den zum Reden», sagt Alexan­dra Bohrer.

Die wöchentlichen Tre­f­fen mit der Senior­in laufen jew­eils ähn­lich ab, erzählt Alexan­dra Bohrer: «Sie begrüsst mich an der Tür und wir gehen in die Stube, wo sie meis­tens schon etwas zum Kaf­fee vor­bere­it­et hat. Dann set­zen wir uns, sie erzählt mir von ihrer Woche und ein Wort gibt das andere. Meis­tens unter­hal­ten wir uns, bis ich wieder gehe.»


Aus der Prax­is
Brigitte Lindt, Lei­t­erin der Ver­mit­tlungsstellen des Pro­jek­ts «Weg­be­gleitung» in der Region Aarau sowie der Region Zofin­gen, berichtet aus ihrem Arbeit­sall­t­ag mit Frei­willi­gen: «Die Ver­mit­tlungsstelle ver­mit­telt Frei­willige für die Begleitung von Men­schen in schwieri­gen Lebenssi­t­u­a­tio­nen. Die frei­willi­gen Mitar­bei­t­en­den wer­den von uns in die Auf­gabe einge­führt, und wir tre­f­fen sie regelmäs­sig zum Aus­tausch und zur Weit­er­bil­dung. Ich stelle fest, dass die Begleitun­gen ten­den­ziell kom­plex­er wer­den, etwa wegen der Zusam­me­nar­beit mit ver­schiede­nen Ämtern. Mir ist wichtig, dass jed­er Frei­willi­ge­nar­beit leis­ten kann, auch ohne psy­chol­o­gis­ches oder anderes, spezielles Fach­wis­sen. Deshalb ist es wichtig, dass ich meine Frei­willi­gen und ihre Fähigkeit­en kenne. Die Per­son, die eine Weg­be­gleitung möchte, lerne ich immer zuerst in einem ersten, per­sön­lichen Gespräch ken­nen und schaue dann, ob ich eine passende frei­willige Per­son finde.»

Für die alte Frau sei sie das Gegenüber, das da ist, zuhört und antwortet, sagt Alexan­dra Bohrer. Sie mis­che sich nicht in pri­vate Angele­gen­heit­en ihrer Kli­entin ein, auch wenn sie manch­mal Ideen habe, wie sich ihre Sit­u­a­tion verän­dern liesse. «Ich bewege mich im Rah­men, den die Weg­be­gleitung vorgibt.» Sie könne sich gut vorstellen, dass sich aus ein­er Weg­be­gleitung eine Fre­und­schaft entwick­le, sagt Bohrer. Eben­falls möglich sei jedoch, dass sich ein Frei­williger nicht abgren­zen könne und für Auf­gaben vere­in­nahmt werde, die nicht abge­sprochen sind. «Das ist mir per­sön­lich aber noch nie passiert», sagt sie.

An ihrem Engage­ment als Weg­be­glei­t­erin gefällt Alexan­dra Bohrer der Kon­takt mit den ver­schieden­sten Men­schen – mit den Kli­entin­nen und Klien­ten eben­so wie mit den anderen Frei­willi­gen. Diese trifft sie vier­mal im Jahr zu ein­er Super­vi­sion sowie ein­mal jährlich zu ein­er oblig­a­torischen Weit­er­bil­dung. «Die Tre­f­fen mit den Män­nern und Frauen, die sich frei­willig engagieren, finde ich sehr anre­gend. Ich lerne von den Erfahrun­gen ander­er.»

Redaktion Lichtblick
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