Geboren am 25. Juni 1926

Geboren am 25. Juni 1926

Inge­borg Bach­mann: An die Sonne

Schön­er als der beachtliche Mond und sein gead­eltes Licht, / Schön­er als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht, / Viel schön­er als der feurige Auftritt eines Kome­ten / Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn, / Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.//

Schöne Sonne, die aufge­ht, ihr Werk nicht vergessen hat / Und been­det, am schön­sten im Som­mer, wenn ein Tag / An den Küsten ver­dampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel / Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das let­zte verkürzt.//

Ohne die Sonne nimmt auch die Kun­st wieder den Schleier, / Du ersche­inst mir nicht mehr, und die See und der Sand, / Von Schat­ten gepeitscht, fliehen unter mein Lid. //

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wun­der­bar sorgt, / Dass ich wieder sehe und dass ich dich wieder­seh! // Nichts Schön­res unter der Sonne als unter der Sonne zu sein … // Nichts Schön­res als den Stab im Wass­er zu sehn und den Vogel oben, / Der seinen Flug über­legt, und unten die Fis­che im Schwarm, / Gefärbt, geformt, in die Welt gekom­men mit ein­er Sendung von Licht, / Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands / Und das Kleid, das du ange­tan hast. Und dein Kleid, glock­ig und blau! // Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen, / Blau der Fer­nen, der Zonen des Glücks mit den Wet­tern für mein Gefühl, / Blauer Zufall am Hor­i­zont! Und meine begeis­terten Augen / Weit­en sich wieder und blinken und bren­nen sich wund. //

Schöne Sonne, der vom Staub noch die grösste Bewun­drung gebührt, / Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Ster­nen und nicht, / Weil die Nacht mit Kome­ten prahlt und in mir einen Nar­ren sucht, / Son­dern deinetwe­gen und bald end­los und wie um nichts son­st / Klage führen über den unab­wend­baren Ver­lust mein­er Augen.

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