Strich um Strich zur Auferstehung
Lucia Zehnder
Bild: © Marie-Christine Andres Schürch

Strich um Strich zur Auferstehung

Als die Schwestern im Kloster Eschenbach noch Osterkerzen produzierten, hatte Lucia Zehnder mehrmals interessiert nach den Herstellungsschritten gefragt. Doch die Schwestern schwiegen stets hartnäckig. Vor einigen Jahren hat die Katechetin aus Oberrohrdorf deshalb selber zu Wachs und Pinsel gegriffen und einfach probiert.Seither gestaltet Lucia Zehnder Osterkerzen vom Entwurf bis zum fertigen Kunstwerk in Handarbeit.

In Lucia Zehn­ders Untergeschoss machen sich Waschmas­chine und Tum­bler bre­it, als ver­sucht­en sie zu beto­nen, dass dieser Raum ein Keller ist. Doch die zwei ste­hen auf ver­loren­em Posten. Sie sind das einzig Pro­fane in einem Raum voller Far­ben und Ideen. «Mein Ate­lier», erk­lärt Lucia Zehn­der. 

Liebe zum Handwerk

Die Liebe zum Handw­erk zieht sich durch das Leben der Kat­e­chetin aus Ober­rohrdorf. Gel­ernt hat sie Porte­feuil­lerin, einen Beruf, der heute in die Sat­tler­lehre inte­gri­ert ist. Als Exper­tin für Fein­led­er­waren fer­tigte sie Taschen, Map­pen und Porte­mon­naies, zuerst für Bal­ly, dann im eige­nen Ate­lier.

Im Jahr 2005 trat sie die Stelle als Sakris­tanin in Nieder­rohrdorf an, später machte sie die Aus­bil­dung zur Kat­e­chetin. Das Flair für Mate­ri­alien, Far­ben und For­men brachte Lucia Zehn­der in ihre neuen Berufe ein. So fuhr sie jedes Jahr mit ein­er Kol­le­gin ins Kloster Eschen­bach, um die Osterk­erze für die bei­den Rohrdor­fer Kirchen auszuwählen.

Eisern gehütetes Geheimnis

Für die far­bigen Motive tru­gen die Eschen­bach­er Schwest­ern den Wachs mit dem Pin­sel auf die Kerze auf. Doch über die einzel­nen Arbeitss­chritte gaben sie keine Auskun­ft. Auch als Lucia Zehn­der mehrmals inter­essiert nach­fragte, schwieg die ver­ant­wortliche Schwest­er eis­ern. «Sie erwäh­nte einzig, dass sie die fer­ti­gen Kerzen mit Schnaps poliere», erin­nert sich Lucia Zehn­der.

200 Kerzen in Handarbeit

Als die Eschen­bach­er Schwest­ern die Kerzen­pro­duk­tion ein­stell­ten, griff Lucia Zehn­der sel­ber zum Pin­sel. Seit 2018 gestal­tet sie die Osterk­erzen für die Kirche St. Mar­tin in Ober­rohrdorf und das Kirchen­zen­trum Guthirt in Nieder­rohrdorf. Die Heimosterk­erzen – die kleineren Kerzen, welche die Leute für zuhause kaufen – fer­ti­gen Frauen aus der Pfar­rei mit dem gle­ichen Motiv in Han­dar­beit an. Etwa 200 Stück braucht es pro Jahr. Weil im ver­gan­genen Jahr wegen Coro­na die Gottes­di­en­ste in der Fas­ten­zeit und über Ostern aus­fie­len, verkaufte die Pfar­rei sog­ar deut­lich mehr Kerzen.

Die wichtig­ste Kerze in der Liturgie

Die Osterk­erze ist die wichtig­ste Kerze in der Liturgie. Während der Osterzeit ste­ht sie im Altar­raum und bren­nt bei jedem Gottes­di­enst. Auch während des Jahres bis zum näch­sten Oster­fest begleit­et die Osterk­erze das Leben der christlichen Gemeinde. Sie bren­nt bei jed­er Taufe und bei jedem Begräb­nis. Die Prozes­sion mit der Osterk­erze zu Beginn der Oster­nacht ist ein­er der ein­drück­lich­sten Augen­blicke im Kirchen­jahr. Am Feuer wird die Osterk­erze angezün­det und die Men­schen machen sich in ihrem Schein auf den Weg in die Kirche. In die schweigende Prozes­sion hinein ruft der Gemein­deleit­er drei Mal: «Lumen Christi» (Chris­tus, das Licht) und die Gemeinde antwortet mit «Deo Gra­tias» (Dank sei Gott). Die Umste­hen­den reichen das Licht weit­er. Die Kirche wird hell: Das Licht ist stärk­er als das Dunkel, das Leben stärk­er als der Tod.

Klas­sisch wer­den Osterk­erzen mit dem Kreuz, der aktuellen Jahreszahl und den griechis­chen Buch­staben Alpha und Omega verziert. Manch­mal ist das Kreuz als Zeichen für die Wund­male Christi mit fünf Wachs oder Weihrauch’nägeln’ verziert. Häu­fige Sym­bole auf Osterk­erzen sind Fisch, Baum, Samenko­rn, Zweig, Regen­bo­gen, Taube, Oster­lamm, Wein und Brot.  (liturgie.ch/mca)

Hoffnung und Neuanfang

«Vor Wei­h­nacht­en habe ich meist eine erste Idee. Danach zeichne ich einen Entwurf und erstelle eine erste Kerze», zählt Lucia Zehn­der auf. «Die Testk­erze stelle ich ins Wohnz­im­mer, lasse das Sujet wirken und frage meine Töchter und meinen Mann nach ihrer Mei­n­ung.» Wenn sie das Motiv für eine Osterk­erze austüftelt, über­legt die Kat­e­chetin auch, ob die fer­tige Kerze zum Kerzen­stän­der und zur Kirche passt. «Beim Design ver­suche ich, mit ein­fachen For­men zu arbeit­en. Ich schaffe eher mod­erne Motive und stelle die Aufer­ste­hung, den Neuan­fang und die Hoff­nung ins Zen­trum.» Für die aktuelle Osterk­erze hat sie ein ock­er­far­benes Samenko­rn in brauner Erde ent­wor­fen, aus dem zarte grüne Blät­ter hin­auf ins gelb-orange Licht spriessen.

Die Auswahl der Far­ben ist Lucia Zehn­der wichtig: Der braune Unter­grund ver­weist auf Dunkel­heit und Tod, während Grün Wach­s­tum und Hoff­nung sym­bol­isiert und das Gelb-orange für das Licht und die Aufer­ste­hung ste­hen.

Meditative Arbeit

Bei der Arbeit an der Kerze ver­wen­det Lucia Zehn­der zwei ver­schiedene Tech­niken. Teile des Motivs trägt sie mit flüs­sigem Wachs auf, andere Teile schnei­det sie aus Wach­splättchen zurecht und klebt diese auf. Den flüs­si­gen Wachs gewin­nt sie aus Kerzen­resten, die sie im Wasser­bad ein­schmilzt. Mit Pig­menten oder Resten von Wach­splättchen ver­lei­ht Lucia Zehn­der dem Wachs dann die gewün­schte Farbe.

Vor dem Malen klebt sie mit Folie die Stellen ab, die weiss bleiben sollen. Dann stre­icht sie den flüs­si­gen Wachs direkt auf die Kerze, mit raschen, kurzen Pin­sel­strichen. Schicht um Schicht wächst das Motiv, bekommt Farbe und Struk­tur. «Für mich eine fast med­i­ta­tive Arbeit», sagt die Kat­e­chetin. 

Anzünden

Wo die Eschen­bach­er Schwest­ern mit Schnaps hantierten, greift Lucia Zehn­der zum Ben­zin. Es ent­fer­nt bei der Schlusspoli­tur Farb­spritzer oder Fin­ger­ab­drücke. Das fer­tige Werk wird in der Oster­nacht entzün­det: «‹Meine› Kerze zum ersten Mal bren­nen zu sehen, ist ein beson­der­er Moment, der mich jedes Mal berührt.»

Marie-Christine Andres Schürch
mehr zum Autor
nach
soben