
Hören
Ich sitze im Büro, die Fenster weit offen. Geräusche kommen zu mir herein, ich höre Vögel zwitschern, Bäume rascheln, eine Maschine brummen, Autos vorbeirauschen. Ich höre meinen Atem fliessen und mein Herz klopfen. Ich frage mich, was ich in diesen Tagen gerne höre. Den Mix von Sommergeräuschen am Rhein, den Wind am Abend eines heissen Tages, die Stille in unserer Kirche, schöne Strassenmusik, liebevolle Worte (die höre ich eigentlich immer gerne), … Und Sie, was hören Sie gerne?
Am 11. Juli ist der Gedenktag des Heiligen Benedikt von Nursia (480–574). Weltweit leben Ordensleute nach der von ihm verfassten Regel, und sie inspiriert über die Klöster hinaus auch viele andere Menschen im geistlichen Leben. “Hören” ist das erste Wort der Benediktsregel: “Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!” Das lateinische Worts “auscultare”, das an dieser Stelle verwendet wird, bedeutet mehr als nur akustisches Hören: “aufmerksam zuhören”, “lauschen”, “gehorchen”. Benedikt gebraucht auch das Bild vom Ohr des Herzens. In der Bibel ist das Herz nicht nur der Ort der Emotionen, sondern die ganzheitliche Mitte des Menschen mit seinem Denken, Urteilen und Wollen. Für Benedikt ist “Hören” eine grundlegende spirituelle Haltung und wesentliche Voraussetzung fürs Tun.
Wie und wo wir Menschen Gottes Stimme hören, ist ganz verschieden. Wie und wo wir sie vernehmen, wissen wir nicht schon vorher. Gott sei Dank ist das so. Was wir tun können: Offen für sie sein. Damit rechnen, dass wir sie hören könnten. Uns je neu bewusst machen, dass wir immer und überall in Gottes Gegenwart sind. Unsere eigenen Wege finden, die für unser Hören hilfreich sind: Das können Stille, Meditation, Gebet oder Lesen in der Bibel sein. Unterwegssein in der Natur, zu Fuss, schwimmend, auf dem Velo. Oder ganz andere Wege. Wach dafür sein, dass Gott sich mittendrin in allem, was wir erleben, hörbar machen kann: in Gesprächen mit anderen Menschen, in Träumen, bei langweiligen Arbeiten, im Kino, …
Es gibt ein schönes Lied der Gruppe Ruhama: “Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz, das seinen Ohren traut in dieser Welt. Schenke mir, Gott, ein Herz, das lebt und schlägt, das für das Leben schlägt.” (Text: Thomas Laubach / Musik: Thomas Quast) Wenn Sie es sich anhören möchten, finden Sie es auf Youtube oder Spotify.
Vielleicht ist die Sommerferienzeit eine gute Möglichkeit, uns neu im Hören zu üben. Auf Geräusche, die durchs Fenster zu uns hereinkommen. Auf Töne, für die wir sonst nicht so aufmerksam sind. Auf unsere innere Stimme, die Stimme unseres Herzens. Auf Gott.
Heidrun Döhling

