Es ist Zeit zu lieben

„Wer liebt, der ist von Gott geboren und ken­nt Gott.“ (1 Joh 4,7)

Auf der ganzen Welt herrschen Kriege. Täglich erre­ichen uns Nachricht­en von Gewalt, Zer­störung und men­schlichem Leid. Und gle­ichzeit­ig spüren wir eine tiefe Sehn­sucht, die Sehn­sucht nach Frieden. Viele set­zen ihre Hoff­nung auf poli­tis­che Entschei­dun­gen und inter­na­tionale Ver­hand­lun­gen. Doch so wichtig diese sind: Echter Frieden begin­nt nicht nur bei den großen Akteuren dieser Welt. Er begin­nt im Kleinen, mit­ten in unserem All­t­ag. Der Apos­tel Johannes führt uns zur Wurzel des Friedens: zur Liebe. «Wer liebt, der ist von Gott geboren und ken­nt Gott.» Frieden ist also kein abstrak­tes Ide­al, son­dern eine göt­tliche Wirk­lichkeit, die in uns begin­nt, wenn wir Gottes Liebe aufnehmen und weit­ergeben. Eine Erfahrung meines eige­nen Lebens hat mir das ein­drück­lich gezeigt: Let­zten Okto­ber besuchte ich kurz die Fam­i­lie mein­er Schwest­er in Kana­da. Am ersten Abend wollte mein elfjähriger Neffe, der eine katholis­che Schule besucht, unbe­d­ingt mit mir sprechen. Er fragte: «Onkel, weißt du, was für ein Men­sch ich wer­den möchte?» Ich antwortete: «Erzähl mir davon.» Er sagte: «Ich möchte ein Men­sch des Friedens sein.» Neugierig fragte ich nach: «Was bedeutet das für dich?» Er erzählte von einem Stre­it mit ein­er Schulkol­le­gin. Sie schrie wütend dreimal: «Fuck you, fuck you, fuck you!» Und er antwortete bewusst, dreimal: «Bless you, bless you, bless you!» Ich fragte ihn: «Was meinst du damit?» Und er sagte: «Ich wün­sche ihr, dass Gott sie seg­net und sie schützt, damit sie keine bösen Worte mehr spricht.» In diesen kindlichen Worten liegt eine tiefe spir­ituelle Wahrheit: Liebe antwortet nicht mit Gegenge­walt. Liebe durch­bricht den Kreis­lauf von Ver­let­zung, Hass und Bit­terkeit. Sie ist ein Aus­druck der göt­tlichen Gegen­wart, ein Zeichen, dass Gottes Reich schon jet­zt mit­ten unter uns begin­nt. Frieden begin­nt in uns, in unserem Herzen und in unseren Entschei­dun­gen: in unseren Worten, in unseren Gesten, in unserem All­t­ag. Jed­er Akt der Liebe, ein vergeben­des Wort, eine trös­tende Geste, ein geseg­neter Gedanke, ist ein Baustein, auf dem Gottes Reich wächst. Und das bedeutet: Wir kön­nen heute begin­nen. Wenn uns jemand ver­let­zt, seg­nen wir ihn inner­lich. Wenn harte Worte fall­en, antworten wir mit Geduld. Wenn Unrecht geschieht, lassen wir Gottes Liebe wirken, bevor wir reagieren. So wird aus kleinen Gesten ein geistlich­er Weg: Ein Weg des Friedens, der uns und andere berührt, ein Weg, auf dem Gottes Gegen­wart lebendig wird. Es ist Zeit zu lieben. Jet­zt. Und wer liebt, trägt den Frieden Gottes in die Welt.


Franz Feng

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