Abschalten

Was bedeutet «abschal­ten» eigentlich? Abschal­ten von was? Vom All­t­ag? Von der Arbeit? Vom Stress? Von Nachricht­en und Infor­ma­tio­nen?

Wir leben in ein­er Zeit, in der ständig etwas auf uns ein­wirkt. Infor­ma­tio­nen, Bilder, Geräusche, Erwartun­gen. Vieles ist schneller gewor­den, dichter, lauter. Oft höre ich aus meinem Umfeld den Satz: «Früher war irgend­wie mehr Ruhe.» Vielle­icht stimmt das tat­säch­lich. Manch­mal fällt es mir auf, wenn ich beispiel­sweise einen Film aus den Achtziger­jahren schaue. Allein schon die Szenen­län­gen wirken heute unge­wohnt. Alles scheint langsamer zu sein, nicht per­ma­nent beschle­u­nigt.


Gefan­gen im Ham­ster­rad

Auch die Tech­nik entwick­elt sich ras­ant weit­er. Vieles davon ist hil­fre­ich und faszinierend. Gle­ichzeit­ig ist es mitunter anstren­gend, mit allem Schritt zu hal­ten. Ich bin wohl nicht der Einzige, der sich im All­t­ag manch­mal wie in einem Ham­ster­rad fühlt: Es dreht sich und dreht sich – und irgend­wo dazwis­chen geht die Ruhe ver­loren. Dass es zu viel gewor­den ist, merke ich oft erst, wenn ich inner­lich schon unruhig bin.


Das Handy liegt eigentlich nur neben mir. Aber es ist nie wirk­lich «nur» da, son­dern schürt die stille Erwartung, es kön­nte etwas kom­men: eine Nachricht, etwas, das beant­wortet wer­den sollte. Und selb­st wenn ger­ade nichts passiert, bleibt dieses leise Gefühl, vielle­icht ger­ade etwas zu ver­passen. Dazu kommt der All­t­ag, der sel­ten wirk­lich still ist: Ter­mine, Gespräche, Geräusche. Dieses Grun­drauschen bleibt sog­ar dann, wenn äusser­lich Ruhe einkehrt.


Zur Ruhe kom­men

Lange dachte ich, Abschal­ten müsse man organ­isieren: ein freies Woch­enende, Ferien, einen Ortswech­sel. Als gehe es um etwas, das erst möglich wird, wenn die Umstände passen. Doch irgend­wann wurde mir klar: Das stimmt nur teil­weise. Natür­lich fällt es in den Ferien leichter, zur Ruhe zu kom­men. Aber man nimmt sich selb­st mit. Auch die innere Unruhe reist oft mit.


Ein ein­fach­er Moment im Garten – ich sass auf der Sitzbank, ohne Ziel, ohne Plan, ohne den Gedanken, ich sollte noch schnell … – hat mir etwas Entschei­den­des gezeigt. Zwar hat­te ich erst das Gefühl, mir fehle etwas, aber dann wurde es langsam stiller in mir. Ich begann, Dinge wahrzunehmen, die son­st ein­fach an mir vor­beige­hen: das Sum­men der Bienen, eine Amsel im Gebüsch, die Wärme eines Son­nen­strahls im Gesicht. Nichts davon war spek­takulär. Aber alles war da. Und plöt­zlich wurde mir klar: Ich muss gar nicht irgend­wohin, um anzukom­men.


Sei ein­fach da!

Vielle­icht ist Abschal­ten genau das: nicht «weg von allem», son­dern «zurück zu mir». Ich glaube, darin liegt auch der Kern. Ein­fach die Erfahrung, dass Stille nicht leer ist. Dass sie nicht sofort gefüllt wer­den muss. Unsere Welt sagt pausen­los: «Leiste mehr. Erlebe mehr. Ver­passe nichts.»

Die Stille sagt etwas anderes: «Sei ein­fach da.» Vielle­icht begin­nt genau dort etwas Neues. Nicht in noch mehr Reizen oder Nachricht­en, son­dern in einem stillen Moment, in dem ich wieder bei mir selb­st ankomme. Beson­ders gut darin bin ich noch nicht. Aber ich übe es.


Simon Rahm, Leit­er Kom­mu­nika­tion

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